Buddy (ehem. Wotan):
Durch Rauhes zu den Sternen oder wie es dazu kam, dass wir unseren eigenen, persönlichen Taliban bekamen.
Nach dem Tod unseres Rüden, vor etwas mehr als einem Jahr sollte wieder ein Partner für unsere Hündin her. Ein robustes Spielzeug für sie sollte er sein. Gerne ein Terrier, kurzhaarig, nicht zu groß, in mittleren Jahre, kleintierverträglich und sicher im Umgang. Als Ausgleich für unsere unsichere Hündin.
Die Suche in den Tierheimen, aus denen wir schon Hunde bekommen hatten und im Internet war schwierig. Schließlich kam Wotan in die engere Wahl. Fünf Jahre alt. Mit zehn Monaten beschlagnahmt, danach vier Jahre im Tierheim Zweibrücken. Natürlich war uns klar, dass eine solche Biografie nicht spurlos an einem Hund vorbei geht. Auch dann nicht wenn man sich wie die Mitarbeiter im Zweibrücken viel Mühe gegeben hat. Er hat dort Autofahren gelernt. Er ist zur Hundeschule gegangen und hatte eine Gassigängerin, die sich sehr um ihn gekümmert hat. Auch um uns hat man sich dort sehr bemüht. Niemand war beleidigt, als ich zum ersten Termin mit der Hundetrainerin erschien, die mir mit unserer Hündin durch die Sachkundeprüfung geholfen hat. Niemand war irritiert, dass ich von vornherein von mindestens einem weiteren Termin ausgegangen bin, bevor wir uns entscheiden. Wotan präsentierte sich wunderbar. Fremde Menschen, andere Hunde, die frei laufenden Katzen ignorierte er komplett. Unsere Hündin hat er formvollendet zum Spielen aufgefordert. Er war fast zu gut um wahr zu sein. Wir hätten misstrauisch werden müssen.
Nach einer Änderung der Rasseeinstufung und einem Termin beim Amtsveterinär zog Wotan der jetzt Buddy wurde, bei uns ein. Er war die Wucht in Tüten. Der totale Selbstläufer.
Für zwei Wochen! Danach waren wir Buddy-besetzte-Zone. Wir waren sein. Mit Haut und Haar und er war bereit das zu verteidigen. Gegen alles und jeden! Auf der Straße, auf dem Grundstück, im Auto. An der Leine und hinter dem Zaun hatten wir einen tobenden Irren und in Haus allein gelassen einen fröhlichen Hooligan. Schon zwei Minuten hinter einer geschlossenen Türe führten zum Tod mehrer Teppichböden, Möbelstücken, Kleidung und Büchern. Er war hierbei ausgesprochen kreativ und schnell. Unter drei Paar Schuhen suche er meine Lieblingsstiefel heraus. Unter zwanzig Büchern dasjenige, in dem ich gerade las. Zu seiner Ehrenrettung kann nur eines angemerkt werden: Wir alle, die zum Haushalt gehören mussten nie Angst haben. Wir nicht, unsere Hündin nicht. Weder Pferde, noch Katze, Hühner, Enten oder Gänse.
Der erfahre Leser wird denken „Ja klar. Der hat sich die Machtverhältnisse vor Ort angesehen und sich dann überlegt, ob er in der Ragordnung aufsteigen kann und straft ab, wenn man sich seiner Kontrolle entzieht“ Das passiert jeden Tag Leuten, die einen Hund aus zweiter Hand übernehmen. Aber was tun, wenn man kein Hundeflüsterer ist? Es war ja nicht nur das finanzielle Problem, die Sachschäden wieder zu reparieren. Da war auch eine ziemliche Angst, dass jemand anderer, Hund oder Mensch, zu Schaden kommen könnte und vor allem eine ungeheure Enttäuschung. Man fühlt sich getäuscht und verliert jedes Vertrauen in seinen Hund. Im Tierheim war er doch ganz anders. Plötzlich gehört man zu der Klientel über die man sich Jahre lang lustig gemacht hat. Man fährt zum spazieren gehen an einsame Orte und fürchtet jede Begegnung. Man lässt den Hund zuhause, weil man ihn nicht mitnehmen kann und ist einfach nur noch unglücklich. Der Gedanke, die nächsten Zehn Jahre so zu verbringen wird unerträglich und der Gedanke, den Hund zurück zu geben wird immer attraktiver.
Als habe wir jemanden gefragt, der sich damit auskennt. Und noch Einen. Leider ohne irgendeinen Erfolgt. Positive Verstärkung und Schleppleine waren nicht unser Weg zum Erfolg. Schließlich bin ich vier Wochen lang jeweils dreimal pro Woche zwei Stunden zu einem Hundetrainer gefahren. Einem Polizisten, Züchter und langjährigem Hundeführer. Auch dort wurde mir gesagt, dass es nicht am Hund sondern an mir liegt. Buddy wurde in Augenschein genommen und als minderschwerer Fall zu Einzelunterricht verdonnert. Wir haben dann zunächst die gute alte Unterordnung geübt, an meinem Timing gearbeitet und so Stück für Stück Buddy die Zügel aus der Hand genommen und mir übergeben. Zuhause gilt es konsequent zu sein. Blickt sich mein Hund um, wenn wir spazieren gehen, wird er schier tot gelobt. Als Notbremse habe ich eine Wurfkette in der Tasche. Hinzu kommen für den Außenstehenden willkürliche Machtdemonstrationen. Ich bleibe auf der Treppe stehen, wenn gedrängelt wird und keiner darf vorbei. Der Hund drängelt die Pferde von der Tränke? Dann gehört die Tränke mir. Ich dränge ihn ohne großen Aufwand weg und er darf erst dran, wenn ich ihn ausdrücklich dazu auffordere. Mein Hund blödelt rum und weigert sich den Pferdepaddock zu verlassen? Er bekommt eine Auszeit an der Leine. Schon 30 Sekunden und drei Wiederholungen reichten aus. Er betritt den Paddock nur noch auf Aufforderung. Buddy hat seine Körbe, in denen er liegt. Bett, Sofa und alle anderen erhöhten Liegeflächen sind tabu.
Mittlerweile herrschen paradiesische Zustände bei uns. Wir haben einen stets fröhlichen, olympischen Hund. Sein Motto ist: dabei sein ist alles! Wir können Ausflüge machen ohne Schweißausbrüche. Die Nachbarn mögen ihn. Es fällt ihm immer leichter, es mir zu überlassen, unübersichtliche Situationen zu klären. Bekommen wir Besuch, gehen wir ohne Hunde vor die Türe und sprechen eine Minute vor der Türe entspannt miteinander. Dann kann ich die Hunde rauslassen. Mittlerweile freut er sich über Besuch. Auch über den von anderen Hunden. Natürlich gibt es immer wieder Rückfälle, die gilt es auszuhalten, bzw. daraus zu lernen um beim nächsten Mal früher gegen zu steuern. Aber die Abstände werden immer größer. Wir werden immer sicherer und wir können ihn endlich so lieben, wie er es verdient hat.
Warum erzähle ich diese Geschichte? Sie passiert jeden Tag. Es ist völlig alltäglich. Ich möchte allen die in unserer Situation kommen Mut machen. Manche Dinge brauchen Zeit und Zähigkeit. Und manchmal kommt einem genau das zwischendurch abhanden. Gebt nicht auf! Vier Wochen intensives Training haben bei uns gereicht, das Ruder rum zu werfen. Der Rest war eine reine Fleißarbeit. Wenn der erste Hundetrainer nicht der Richtige ist, versucht den nächsten. Es gibt sie wie Sand am Meer.
Manche Hunde sind wie Kastanien. Man muss sich erst durch die stachelige Hülle arbeiten um an das Kleinod im Innern zu kommen.